Wer einmal China bereisen durfte, dem sind die vielen krassen Gegensätze im Reich der Mitte wohl kaum verborgen geblieben. China vollführt einen Spagat der Gesellschaftsformen, den es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Zum einen gibt sich die herrschende Klasse Chinas als streng sozialistisch, marxistisch und kommunistisch. Es wird keine Gelegenheit ausgelassen, um dem Volk diese drei Prinzipien als höchstes Gut zu verkaufen.

Wer sich jedoch einmal anschaut, von welchen Personen die „rote Lehre“ propagiert wird, der kommt sehr schnell ins Grübeln. Besonders der letzte große Parteikongress, auf dem sich Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping von den Delegierten erneut in seinem Amt bestätigen ließ, bot ein sehr widersprüchliches Bild.

Alleine drei Milliardäre saßen dort in ihren Uniformen und versuchten dem Volk und der Welt ein Bild des Sozialismus zu verkaufen, das es im Grunde gar nicht mehr gibt. Denn diese drei sind keine Ausnahme mehr, sondern gehören einer neuen Klasse an, die Karl Marx in seiner Lehre so nicht vorgesehen hatte. Sie gehören der neuen Klasse der Superreichen an. Diese wächst seit Jahren unaufhörlich, so gab es alleine in diesem Jahr circa 350 neue Superreiche, mit einem Vermögen von mindestens 300 Millionen US-Dollar.

Insgesamt gibt es China damit ungefähr 2.200 Superreiche. Dies sind mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren und die Tendenz ist stark steigend. Die meisten Mitglieder dieser neuen Klasse sind ebenfalls im Partei- und Machtapparat von Xi Jinping fest integriert und setzen dort ihre eigenen Interessen durch. Die meisten dieser Vermögen wurden zu Lasten der einfachen Bevölkerung erschaffen, die oftmals mit dem Allernötigsten ihr Leben bestreiten müssen.

Ist dies mit dem kommunistischen Gedanken noch zu vereinen? Nein, sagen selbst immer mehr chinesische Intellektuelle. Hinter vorgehaltener Hand üben sie teils heftige Kritik am neuen System. Nach ihrer Auffassung ist der Kommunismus durch einen Kapitalismus ersetzt worden, der von einer elitären Klasse bestimmt und geführt wird. Die Werte und Prinzipien des Kommunismus seien nur noch eine Art Fassade, um die Leute ruhig zu stellen, so ihre Einschätzung.

Kann das auf Dauer gut gehen? Darüber herrscht Uneinigkeit. Denn die Führung hat verstanden, dass sie auf Dauer ein solch großes Volk nicht klein halten kann. Darum wird versucht, eine Art Mittelklasse zu etablieren. Eine große und halbwegs zufriedene Mittelklasse kann den Machterhalt auf Dauer sichern. So ist das Kalkül der Machthaber. Es erinnert ein wenig an die Zeiten Roms. Dort galt die Devise „gib den Leuten Brot und Spiele“ und sie machen keine Probleme.

Die Anwendung dieses Prinzips lässt sich im Moment an sehr vielen Stellen in der chinesischen Gesellschaft feststellen. Seien es eine Vielzahl neuer gutbezahlter Jobs, die der großen Masse einen gewissen Konsum ermöglicht. Zum anderen gibt es immer mehr „Spiele“ in Form von Profiligen im Fußball und im Glücksspiel. Macao ist eine Hochburg geworden, hier kann gepokert, Roulette gespielt und gewettet werden, wie es den Besuchern beliebt. Etwas das im Kommunismus niemals vorgesehen war. Wir dürfen gespannt sein, wie es weitergeht im Reich der Mitte. Wir erleben gerade einen der spannendsten gesellschaftlichen Prozesse, die es seit langem gegeben hat.